Schwerelos - Für kurze Zeit
Ich sitze an meinem Schreibtisch und lerne. Ich bin allein. Die nächste Klausur ist Ende Januar. Konzentration schwindet und fliegt mir wieder zu. Ich beobachte meinen Kater, wie er einen Hausschuh von mir jagt. Ich belächle das. Mein Blick richtet sich auf das, was ich lernen möchte. Er kommt mauzend und schnurrend angesprungen und macht es sich auf meinen fetten Schenkeln bequem. Geistesabwesend streichle ich ihn. Meine Gedanken schwinden zu einer Freundin. "Ich pass auf mich auf ", "Ich werde nur etwas weniger essen" waren ihre Worte. Doch ich traue mich nicht, ihr zu schreiben, dass sie die Finger von der Scheiße lassen soll. "Ich hab mich mal ein wenig über Magersucht und Essstörungen informiert" teilte sie mir mit. Ich bringe es immernoch nicht übers Herz, es wird so bevormundend und besserwisserisch klingen, wenn ich ihr sage, dass die Scheiße Leben zerstört und dich nicht mehr glücklich sein lässt. Es beeinflusst dich in jeder Hinsicht. Es kriecht in deine Gedanken, unter deine Haut, in jede deiner Bewegungen. Du kannst nichts sehen und anfassen, ohne dich daran zu erinnern und daran zu denken. Kalorien für Kalorien liegt im Kühlschrank und nicht etwa der Joghurt neben dem Käse. Es umhüllt dich, wie ein schwarzer Schleier. Es verleiht dir Flügel, wie einem Dämon. Du denkst du kannst fliegen, doch dabei stürzt du nur weiter in den Abgrund, ohne zu wissen, wo die Reise hingeht. Deine Wünsche werden absurder und du wirst kranker und in dich gekehrter. Freude ist ein Fremdwort, Spaß sein Begleiter. Die Waage wird dein bester Freund und Feind. Nie wieder kriegst du es los. Die Flügel brennen und fleischen sich ein und der Schleier drückt dir jegliche Luft zum atmen ab.
Ich bin noch lange nicht fertig damit, obwohl ich sie verdamme, bis ins tiefste. Doch ich liebe sie. Ich liebe sie über alles, sie gibt mir Kraft, Halt und ein Ziel, was groß genug ist, woran ich mich orientieren kann. Hungern, Kotzen, Hungern, Fressen, Hungern, Kotzen. Alltäglich, allgegenwärtig. Ich kann nicht ohne sie, ich kann auch nicht mit ihr, aber dennoch mehr mit als ohne.
Sie verlieh mir Flügel, ich war schwerelos, für kurze Zeit.
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